Jeremy Blachman – Anonymous Lawyer (in englischer Sprache; ISBN: 0805079815)
Seit März 2004 herrschte helle Aufregung in der amerikanischen Law-Firm-Welt: unter dem Titel Anonymous Lawyer veröffentlichte ein angeblich fiktionaler Rekrutierungs-Partner einer großen Rechtsanwaltskanzlei an der US-amerikanischen Westküste ein Weblog (Internet-Tagebuch; kurz: Blog) über seine Tätigkeit. Lange wurde gemutmaßt, um welche Kanzlei und welchen Partner es sich handeln könnte, wollte doch niemand so recht glauben, offensichtlich auch aufgrund der großen Ähnlichkeit zum realen Alltag des Großkanzlei-Universums, dass es sich um frei erfundene Geschichten handeln würde. Einige Monate später wurde das Geheimnis um den Autor schließlich gelüftet: die Blog-Einträge stammten von Jeremy Blachman, einem Jura-Studenten der Harvard Law School.
Jeder kennt wahre, selbst erlebte oder erfundene Geschichten aus der Welt der Großkanzleien – in diesem Buch wird er viele alte oder neue Gerüchte überspitzt, mit dem Hang zur Selbstdarstellung des Protagonisten, aber immer unterhaltsam dargestellt, wieder finden. Blachman schreibt in einem ausgezeichneten Stil, immer prägnant, häufig zynisch, über Geschehnisse, die er wohl teilweise selber so erlebt hat oder die ihm von aufmerksamen Lesern seines Blogs so zugetragen wurden. Auch in der Form der Darstellung weicht das Buch von Altbekanntem ab: der Text stellt sich dem Leser wie in einem Blog dar, immer wieder unterbrochen durch die kurzweilige e-Mail-Korrespondenz des Hauptdarstellers (allem voran mit seiner Nichte). Im Blickpunkt steht dabei immer das große Ziel des Erzählenden selbst irgendwann „Chairman“ seiner Law-Firm zu werden.
Der Autor selbst hat sein Jura-Studium inzwischen abgeschlossen und der Welt der Rechtsberatung den Rücken gekehrt. In Zukunft möchte er vermehrt als Schriftsteller arbeiten. Wer sich näher mit der Geschichte des Autors auseinandersetzt (im Internet findet sich einiges Interessantes dazu), wird schnell feststellen, dass die langjährigen Qualen der Literatur-Interpretationen aus dem Schulunterricht nicht umsonst waren. Dem interessierten Leser wird auffallen, dass sich wahrscheinlich auch der Autor an manchen Stellen im Buch selbst wieder findet und am Ende wissen, warum der Blog in Zukunft wohl doppelt-fiktional ist.
Der Kult um den „Anonymous Lawyer“ geht indes weiter. Nicht nur sein Blog erfreut sich nach wie vor größter Beliebtheit. Es ist inzwischen sogar geplant, das Buch zu verfilmen. Nicht nur deswegen verdient das Buch als kurzweilige Lektüre, das gleichzeitig dazu beiträgt die eigenen Englisch-Kenntnisse aufzufrischen, das Prädikat „besonders lesenswert“.